Fixation und Warnehmungsreflexe


Effizienzsteigerung in Form von Speed Reading ist ein überaus vieldiskutiertes Thema. Klar, wenn man bedenkt, wie unglaublich viel Zeit man sparen kann oder wie viel mehr man in der gleichen Zeit machen kann. Viele Aspekte der verschiedenen Techniken stehen in Widerspruch zueinander und welche die effektivste ist, ist wissenschaftlich umstritten. Ich kann nur empfehlen sich mit den verschiedenen Techniken auseinanderzusetzen,  und sie auszuprobieren. Welche Speed Reading Technik sich für dich am besten eignet wird sich sehr schnell zeigen. 

Ein essenzieller Aspekt, der fast nie erwähnt wird: Speed Reading ist eine rein motorische Fähigkeit. Was uns das bringt? Leistungsniveaus motorischer Fähigkeiten entscheiden sich hauptsächlich durch Training. Du musst also kein Genie sein um eine absolut überdurchschnittliche Lesegeschwindigkeit zu erreichen. In der Folge zeige ich Dir eine Übung, die der Grundstein für weitere Übungen ist.
Grundsätzlich geht es darum wesentliche Prinzipien des Menschlichen Visualsystems zu verstehen und seine Ineffizienzen zu beseitigen. Die großen Themen lauten hier Fixation und Peripheres Sehen.

 

Fixation

Du musst dir deinen Leserythmus nicht als gerade Linie, sondern viel mehr als eine Serie von Sprüngen vorstellen. Am Ende jedes Sprunges folgt eine Fixation, eine Momentaufnahme des Textes in deinem Fokusbereich (normalerweise hat der Fokusbereich ungefähr die Größe einer Zwei-Euro-Münze). Beim Lesen von unbekannten Texten dauert jede Fixation zwischen einer viertel und einer halben Sekunde. Du kannst deine Lesesprünge sogar spüren: schließ ein Auge und lege deinen Zeigefinger auf das Lid des offenen Auges. Scan jetzt langsam eine horizontale Linie in der Ferne, oder lies eine Textzeile. Du wirst deutlich einzelne Bewegungen und Fixationsphasen spüren.  Dein Ziel ist die Minimierung der Anzahl von Fixationen und der Fixationsdauer.

Zum Ablauf: Du wirst erst mehr über die Techniken erfahren, dann die Anwendung der Techniken üben und erst dann lernen schneller zu lesen und den Inhalt zu verstehen. Lesegeschwindigkeit und Leseverständnis solltest du zu diesem Zeitpunkt noch völlig separat sehen. Mach dir keine Sorgen um das Textverständnis, erst geht es darum den motorischen Ablauf der Lesegeschwindigkeit zu trainieren. Die Reihenfolge ist: Technikverständnis, Technik üben, Technik und Lesevertändnis – also eins nach dem anderen. Generell wird empfohlen die Technik in der doppelten bis dreifachen Geschwindigkeit zu trainieren, mit der du später lesen möchtest. Wenn du z.B. 400-600 Wörter pro Minute lesen möchtest, trainiere die Technik mit 1200-1800 WpM.


Baseline

Wie immer steht vor jeder Übung der Test deiner jetzigen Reading Speed. Solltest du diese bereits ermittelt haben kannst du diese Sektion überspringen. Ist die Ermittlung bereits einige Zeit her, empfehle ich den Test nochmal zu machen, die Ergebnisse können überraschend ausfallen.
Um deine Reading Speed zu ermitteln, nimm dir ein Übungsbuch zu Hand (es sollte flach auf dem Tisch liegen) und zähl die Wörter der ersten 5 Zeilen. Teil die Anzahl der Wörter durch die Anzahl der Zeile und du erhältst die durchschnittlichen Wörter pro Zeile.

Beispiel: 75 Wörter / 5 Zeilen =15 WpZ 

Zähle als nächstes die Zeilen der nächsten 5 Seiten und ermittle die durchschnittliche Zeilenanzahl pro Seite. Multipliziere diesen Faktor mit der durchnittlichen WpZ und du erhältst die durschnittlichen Wörter pro Seite.

Bespiel: 164 Zeilen / 5 Seiten = 32,8 ; gerundet auf 33 pro Seite mal 15 Wörtern pro Zeile macht durchschnittlich 495 Wörter pro Seite.

Lies nun eine Minute lang mit normalem Tempo, sodass du den Inhalt verstehst. Multipliziere nach einer Minute die gelesenen Zeilen mit den durchschnittlichen Wörtern pro Zeile und du hast deine aktuelle Lesegeschwindigkeit ermittelt.

 

 


Technik

Länge und Häufigkeit von Fixationen können durch den Gebrauch eines “Trackers” reduziert werden. Als Tracker kann von Finger bis Stift alles benutzt werden. Wichtig ist jedoch, dass für diese Übung kein Lineal benutzt wird, da es essenziell ist den Tracker  von links nach rechts und nicht von oben nach unten mitzubewegen. Bewege den Tracker beim lesen in gleichmäßigen Tempo mit. Der Sinn dahinter ist deine Fixationen zu führen und zu kontrollieren. Führe den Tracker in deiner dominanten Hand und fahre ihn unter der zu lesenden Zeile lang. Hierbei ist es wichtig deine Augenfixation immer über der Stiftspitze zu halten. Das gleichmäßige Unterstreichen der Zeile dient zum einen zur Kontrolle der Fixationen, zum anderen als Temporegler für gleichmäßiges und schnelles Scannen der Zeile. Man kann den Stift wie bei der Schreibbewegung mitführen, jedoch empfehle ich, ihn unter der Zeile mitzuführen. Mit einem Tracker Gleichmäßigkeit einzubringen hat noch einen weiteren entscheidenden Vorteil: Es verhindert Zurückspringen (falsche Fixationspunkte) im Text und wiederholtes Lesen. Die meisten Leser springen unbewusst im Text zurück. Meist ist es absolut unnötig und kann bis zu 30% der totalen Lesezeit in Anspruch nehmen.

Zur Übung:

1. Technik (2 Minuten)
Trainiere, den Stift als Tracker und Temporegler zu benutzen. Führe den Stift unter jeder Zeile mit und fokussiere deinen Blick  stets über der Stiftspitze. Mach dir keine Sorgen um Inhaltsverständnis! Das kommt später. Scanne auf diese Weise jede Zeile in maximal einer Sekunde, versuche dabei dein Tempo stets zu erhöhen. Nochmals: Im gleichmäßigen Tempo lesen, auf keinen Fall mehr als eine Sekunde pro Zeile, ohne zurückzuspringen! 

2. Tempo (3 Minuten)
Wiederhole die Übung, diesmal mit nicht mehr als einer halben Sekunde pro Zeile. Richtig, zwei Zeilen für ein ausgesprochenes „hunderteinundzwanzig“. Die meisten Menschen verstehen bei dieser Geschwindigkeit nichts vom Text. Verständnis ist aber nicht Ziel dieser Übung sondern der nächsten. Behalte die Geschwindigkeit drei Minuten lang bei. Es geht um die Konditionierung deiner Wahrnehmungsreflexe und ist dies ist eine Übung die Anpassung deines visuellen Systems zu erleichtert. Fokussiere dich auf die Stelle über der Stiftspitze und konzentriere dich auf die Technik. Reduziere nicht das Tempo und konzentriere dich darauf nicht gedanklich abzudriften. Brummt die Birne? Völlig normal. Deine Wahrnehmungsreflexe werden wahrscheinlich zum ersten Mal in deinem Leben bewusst trainiert. Das ist aber nur die erste Hälfte des Trainings. Nun muss noch die Ausweitung deiner Wahrnehmungsspanne trainiert werden, bevor es dann an das Verständnis geht. Wie die Wahrnehmungsspanne trainiert werden kann findest du im nächsten Artikel.